Der andere Matchtag

Sonntag ist Matchtag. Diese Sonntage sind für Urs einem ganz klaren Ablauf und Ritual verschrieben. Der Tag würde normalerweise so aussehen. Urs steht in den Farben seines Teams bereit. Direkt nach dem Frühstück hisst er die Clubfahne in seinem Garten. Die Kleiderordnung ist genau vorgegeben. Er hat das Dress der aktuellen Saison übergestreift, die karierten Glückssocken angezogen und der obligate Fan-Schal umgehängt. Genau 90 Minuten vor dem Anpfiff wartet Urs an der Haltestelle auf das Neuner Tram in Richtung Stadion. Personen, wie die junge Frau auf dem Gehweg, die unaufhörlich auf ihr Smartphone tippt, nehmen keine Notiz von ihm. Oder aber sie blicken ihn, wie der Hipster mit rotem Bart, kaum wahrnehmbar, aber mit leicht abschätzigem Blick an. Das ist sich Urs in seinem auffälligen Outfit gewohnt. Seine Mannschaft hat seit Jahrzehnten keinen Titel mehr gewonnen. Den Anhängern wird ein ebengleiches Verlierer-Image entgegen gebracht wie dem Club. Aber Urs steht unabdingbar zu seinem Team. Ewige Treue! Beim Stadion angekommen, erkennt ihn der schmuddelige Verkäufer mit den fettigen Haaren hinter dem einzigen Verpflegungsstand sofort. Er nimmt die schon fast verkohlte traditionelle Clubwurst vom Grill, legt sie mit einem vertrocknetem Stück Brot und Senf auf einen Kartonteller. Dem abgestandenen Bierbecher füllt er noch etwas Bierschaum hinzu, so dass er einen frischen Eindruck erweckt.
«Danke Miguel. Das passt so» erwidert Urs und legt einen 20er auf den Tresen.
Er verschlingt die Wurst alleine an seinem Stamm-Stehtisch, nippt an seinem Bier und nickt zwischendurch zum Gruss einem bekannten Gesicht. Wie gewohnt, muss er am Eingang nicht anstehen und kann ohne Kontrollen die Stufen hoch direkt in seinen Sektor. Bei seinem Sitzplatz angekommen begrüsst er die wenigen Personen, die auch jeden Sonntag hier anzutreffen sind. Im weiten Rund sind viele Plätze leer. Nur die hartgesottenen Fans sind immer da, einfach, weil sie das schon ihr ganzes Leben lang tun. Es ist nicht so, dass der Fussballclub schlecht spielt, ebengerade so gut, dass immer ein Funken Hoffnung für die Titelambitionen bleibt. In den entscheidenden Spielen wurde jedoch immer alles verspielt. Nebst Unvermögen hatte manchmal hat Verletzungshexe hart zugeschlagen, der Schiedsrichter seinen Anteil hinzugefügt oder es war einfach nur Pech dabei. Obwohl das Pech so hartnäckig an den Schuhen klebte, dass längst von einer Mythos gesprochen wurde. So verlassen die Zuschauer nach verlorenen 90 Minuten mal für mal das Stadion mit einer Gleichgültigkeit, die jegliche Sportbegeisterung vermissen lässt. «Vielleicht nächsten Sonntag, vielleicht nächste Saison», hörte Urs seine Platzkumpanen, schon oft zu einander sagen.

Aber heute, heute ist alles anders. Es ist zwar Sonntag, aber das sollte das Einzige sein, das heute so sein wird wie immer. Es ist Finalissima und das Team von Urs könnte tatsächlich wieder einmal Grosses erreichen. In den Zeitungen und Sportberichten wurde seit Wochen nur über dieses besondere Ereignis berichtet. Das Stadion ist schon lange ausverkauft. Urs ist schon seit Tagen unruhig. Letzte Nacht wälzte er sich durchgehend im Bett. Erst kurz vor Morgengrauen fiel er in den Tiefschlaf. Und jetzt schreckt er hoch. Nicht weil er geträumt hat, dass seine Mannschaft verlieren wird. Es ist taghell. Urs schaut auf seinen Wecker: 14.32. Das Spiel beginnt in weniger als 90 Minuten. Er springt aus dem Bett.
«Wo sind meine Glückssocken?», sagt er laut, als würden die Socken antworten.
In der gewohnten Schublade ist alles, nur keine Glückssocken. Schnell entschliesst er sich für ein anderes Paar. Auf der Suche nach dem Trikot, fällt es ihm ein, dass es noch in der Waschmaschine liegt. Er springt die Treppe hinunter. In der Waschküche nimmt er das zerknitterte Shirt aus der Trommel und streift es über. Da kullern im die gesuchten Socken entgegen. Kurzerhand steckt er diese in die Hosentasche. Beim Hinausgehen zupft er sich noch kurz die Haare zurecht. Für das Hissen der Clubfahne bleibt heute keine Zeit. Noch 55 Minuten bis zum Anpfiff. Er sieht das Tram von weiten. Das muss er erwischen. In Usain Bolt Manier sprintet er zur Haltestelle. Die Menschenmenge versperrt ihm den Eintritt vor der Wagentüre. Der Wagen ist bereits zum bersten voll. Da gehen nie und nimmer alle rein. Die Türe schliesst und das Tram fährt ihm davon. Urs steht auf dem Trottoir. Er ist verzweifelt. Zu Fuss war es aussichtlos, es rechtzeitig zum Stadion zu schaffen.
«Ein Taxi. Das ist die Rettung.» kommt ihm die Idee. Beim Griff in seine Hosentasche bemerkt er jedoch, dass er sein Handy in der Eile zu Hause liegen liess.
«Und wenn, man mal ein Taxi braucht, ist weit und breit kein Wagen zu sehen.» flucht er, „Ausgerechnet heute werde ich es nicht pünktlich ins Stadion schaffen.»
Urs lässt sich auf den Asphalt nieder. Er stützt den Kopf zwischen seine geballten Fäuste und blickt ratlos auf die Strasse. Plötzlich ein markdurchdringendes Quietschen begleitet von heftigen Klingeln. Urs zurück in die Realität. Der Schatten konnte gerade noch an ihm vorbeihuschen, bevor er zum Stillstand kommt. Urs blickt schockiert hoch. Er hat immer noch nicht ganz realisiert, was genau geschehen ist. Nur dass er verdammt Glück hatte. Der Velofahrer hatte geistesgegenwärtig den Guido rumgerissen und einen Zusammenprall verhindert. Und dies mit einer Geschicklichkeit, dass er nicht zu Fall kam. Die beiden schauen sich an.
«Den kenne ich doch.», denkt Urs. „Das ist der Hipster neulich von der Haltestelle. Auch das noch.»
Der Bärtige schaut Urs grimmig an. Doch seine Miene verändert sich sofort.
«Du bist spät dran. Und das Tram ist auch weg.»
Erst jetzt fällt Urs auf, dass der vermeintliche Strassenrowdy auch im Matchtrikot gekleidet ist.
«Komm, ich nehm dich mit. Setzt dich auf den Gepäckträger.», bietet der volltätowierte Velofahrer Urs eine Mitfahrgelegenheit an.
Urs ist immer noch ein bisschen verdattert und schaut ungläubig ihn ungläubig an.
«Los, sonst wird das nichts mehr.» sagt der Hipster.
Eine Viertelstunde später und einer wilden Slalomfahrt durch den Verkehr, welcher mittlerweilen zum erliegen gekommen ist, stehen die beiden Fans mit tausend anderen vor dem Stadion. Sogar das verpasste Tram konnten sie umfahren. Beim Hipster liegen ein paar Schweissperlen auf seiner kahl rasierte Glatze.
«Du ein paar Bier gut bei mir» bedankt sich Urs beim Absteigen. Sein Hintern hat bestimmt ein paar gestreifte Abdrücken des Gepäckträgers. Aber das ist ihm egal. Hauptsache er schafft es rechtzeitig zum Anpfiff ins Stadion. Und genau in diesem Moment wird im bewusst: Er war noch gar nicht im Stadion. Er steht vor dem grossen Rund. Und die Menschenschlange vor den Eingängen ist Endlos. Mit einem Handshake verabschiedet er sich von seinem Chauffeur.
«Gutes Spiel!» sagt er beim Weggehen. Urs geht in Richtung seines Sektors. Beim Überholen rempelt er unabsichtig einen Familienvater an.
«Entschuldigung.»
Der Blick ist aber schon wieder nach vorne gerichtet. Vor dem Tor geht es aber auch mit drängeln nicht mehr weiter. Bis zum Eingang sind es sicher zehn bis fünfzehn Reihen. Noch zwanzig Minuten! Es ist, wie in einem Albtraum, wenn irgendein gruseliges Dings in einem finsteren Tunnel hinter einem her ist, deine Beine Schwer wie Blei sind und der rettende helle Ausgang nicht näher kommt. Es kommt ihm endlos vor. Seine Schritte bewegen sich nur Millimeter nach vorne. Nach einer weiteren Unendlichkeit hat er schon mal die Stufen zum Eingang erreicht. Diese scheinen so weit nach oben zu reichen, wie auf den Eifelturm. Wenn er zu mindestens noch einen Becher Bier als Proviant bei sich hätte. Aber in der Panik keine Zeit zu verlieren, hatte er das völlig vergessen. Er wird zunehmend ungeduldiger. Mit einem grossen Seufzer schaut er auf die Uhr: Noch sieben Minuten. Durch die Lautsprecher hört er bereits die Namen der Aufstellung. Die Fangesänge setzen unmittelbar ein. Noch drei Personen und er ist drinnen. Beim Vorzeigen des Tickets beim Matchbesucher vor ihm piepst das Drehkreuz und eine rote Lampe beginnt zu blinken. Der alte Mann mit einem dezenten Schwarzen Schal und einem kleinen aufgenähten Clubemblem versucht es nochmals. Wieder leuchtet rot Lampe auf. Ein Securitas kommt herbei. Es gibt eine heitere Diskussion.
«Auch das noch.» seufzt Urs. Er kann nicht mehr zu einem anderen Drehkreuz wechseln. Er ist in seiner abgesperrten Spur gefangen. Er schüttelt verärgert den Kopf. Endlich konnten sie dem Mann manuell Einlass gewähren. Urs schliesst unbewusst kurz die Augen und hielt den Atem an, als er sein Ticket in die elektronische Vorrichtung hält. Die Lampe leuchtet grün auf. Er schnauft erleichtert aus und geht durch den Eingang. Er ist drin. Er würde es rechtzeitig auf seinen Platz schaffen und wird das Anspiel bejubeln können.
«Halt!», durchbricht eine tiefe Stimme seine Euphorie, «Arme und Beine ausbreiten und still hin stehen.» Ein Bornco in Vollmontur steht breitbeinig vor ihm.
Er tastet die Armen und Körper von Urs ab. «Was ist da in der Tasche?» fragt der zwei Meter Hühne.
«Meine Glücksocken.» fuhr es Urs wie ein Blitz durch den Kopf. Dies kann er aber diesem Polizisten jetzt unter keinen Umständen sagen. Weil ihm keine Idee kommt, bleibt er stumm.
Der Kontrolleur fackelte nicht lange und greift in die Manteltasche. Er hebt die Augenbrauen. «Mhhh, die können sie nicht mitnehmen. Sicherheitsrisiko.», befiehlt er.
Der Tonfall ist so bestimmt, dass Urs nicht widersprechen will. Auch wenn der Verlust seines Talisman kein gutes Omen bedeutet. Zudem tickt die Uhr und die Einlaufhymne erklingt. Er will weiter. Urs kämpft sich blindlings durch das Getümmel zu seiner Reihe. Die Stufen hoch. Er sieht seinen leeren Platz. Begrüssungsrufe von Kollegen ignoriert er. Er setzt sich. Geschafft.

Anpfiff.

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