Der andere Matchtag

Heute ist Heimspiel. Urs steht in den Farben seines Teams bereit. Gelb-Schwarz. Obwohl seine Mannschaft schon seit 28 Jahren keinen Titel mehr gewonnen hat, steht Urs unabdingbar zu seinem Team. Ewige Treue! Diese Sonntage sind normalerweise einem ganz klaren Ablauf und Ritual verschrieben. Seit Samstag Vormittag hängt die Clubfahne in seinem Garten. Kleiderordnung ist vorgegeben: Dress der aktuellen Saison, Glückssocken und je nach Witterung kommen weitere Fanartikel dazu. Genau eine Stunde vor Anpfiff nimmt Urs das Tram zum Stadion. Die wenigen Leute nehmen kaum Notiz von ihm, und wenn, mit einem kaum wahrnehmbaren aber leicht abschätzigen Blick. Er fällt auf in seinem Outfit. Es ist nicht viel Los rund um das Stadion. Nicht nur, weil es noch eine Weile dauert bis Spielbeginn, wie immer werden nicht viele Leute erwartet. Es sind die gleichen hart gesottenen Fans, welche ans Spiel gehen, weil sie hier ihre Freunde treffen oder das einfach schon ihr Leben lang tun. Die Stufen hoch, ohne Anstehen direkt ins Stadion. Wie gewöhnlich die gleiche Wurst an der gleichen Ecke verschlingen und mit dem Becher Bier in der Hand das Aufwärmen der Mannschaft mitverfolgen. Auch hier die immer gleichen Rituale. Angekommen bei seinem Sitzplatz begrüsst er die bekannten Gesichter. Aus den Lautsprechern ertönt knisternd die Mannschaftsaufstellung, welche ohne Überraschungen zur Kenntnis genommen wird. Meistens verlaufen die Spiele so, dass das Heimteam zwar gut mitspielt, vielleicht auch mal in Führung geht, aber in den entscheidenden Momenten alles verspielt und verliert. Bei den Fans ist längst eine gleichgültig eingekehrt. Urs geht dann nach neunzig Minuten unglücklich nach Hause und trauert den vergebenen Chancen hinterher. «Vielleicht nächsten Sonntag, vielleicht nächste Saison», ging es nicht nur ihm schon etliche Male durch den Kopf.

Aber heute ist alles anders. Es ist Finalissima. Urs in der zwar in der bekannten Montur gekleidet, das ist aber auch das einzige, das so ist wie immer. Die Vorfreude macht ungeduldig. So macht sich Urs schon viel früher als üblich auf den Weg. Und er ist nicht alleine. Obwohl es noch lange dauert bis der Anpfiff erfolgt, sind bereits unzählige Gleichgesinnte auf dem Weg. Viele Winken mit gehobenen Facebook-Daumen. Alle sind heute eine grosse Familie. Vor dem Stadion begrüsst ihn ein gelb-schwarzes Menschenmeer. Die Kassen sind geschlossen. Das Spiel ist längst ausverkauft. Die lange Treppen hinauf ins Stadion sind wie ein Triumpf-Einlauf. Die Warteschlange lang, die Wurst umso besser. Der sonst so monotone Stadionsprecher ist schon vor Spielbeginn heiser. Die Mannschaftsaufstellung wird frenetisch und lauthals von den Fans skandiert. Anpfiff, es geht los und heute ist alles anders als sonst…

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